Eröffnung durch Raimund Fellinger

folgend eine Transkription der Eröffnungsrede von Raimund Fellinger des Verstörungen 2012 Festivals, mit einigen kleinen nachträglichen Korrekturen durch den Autor.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

am 14. Mai 1968 sandte das Gemeindeamt von »Goldegg im Pongau, Land Salzburg« einen zweiseitigen Brief an das Bundesministerium für Unterricht in 1010 Wien. Das Wappen und die Unterschrift des Bürgermeisters bekräftigten den offiziellen Charakter des Schreibens, das in der Betreffzeile sein Anliegen benannte: »Buch ›Frost‹− Protest der Gemeindevertretung«. Der erste Absatz artikulierte gegenüber dem »sehr geehrten Herrn Bundesminister«, Dr. Theodor Piffl-Perčević, einen deutlichen Unmut: »Die Gemeindevertreter der Gemeinde Goldegg, zu der auch die Ortschaft Weng gehört, protestieren, daß für das Buch ›Frost‹ der ›Österreichische Staatspreis für Literatur‹ verliehen wurde. Die Bevölkerung ist mehr als betroffen, wie ihre österreichische Heimat und sie selbst in diesem Roman geschildert werden.«

Was genau war geschehen? Knapp zwei Monate zuvor, am 4. März 1968, hatte Thomas Bernhard für seinen Debütroman »Frost« den »Österreichischen Staatspreis für Literatur« erhalten. Bei der Feier zur Überreichung der nachträglich für Jahr 1967 vergebenen Auszeichnung war es, aufgrund einer »Dankrede« des Autors, zu einem Skandal gekommen, über den die Zeitungen in ganz Österreich berichtetet hatten. Der Geehrte hatte sich unter anderem so vernehmen lassen: »Wir sind Österreicher, wir sind apathisch; wir sind das Leben als das gemeine Desinteresse am Leben, wir sind in dem Prozeß der Natur der Größenwahn-Sinn als Zukunft. Wir haben nichts zu berichten, als daß wir erbärmlich sind, durch Einbildungskraft einer philosophisch-ökonomisch-mechanischen Monotonie verfallen.«

Durch diesen Presserummel offensichtlich aufgeschreckt − etwas spät, denn das Buch war fünf Jahre zuvor erschienen und inzwischen als Taschenbuch zu einem niedrigen Preis erwerbbar −, beschäftigte man sich in Weng und um Weng herum mit dem Roman und war »empört«. Man stieß bei der Lektüre auf alles andere als schmeichelhafte Sätze über einen Ort namens Weng, von denen der Brief eine nicht kleine Auswahl zitierte: »Tatsächlich erschreckt mich diese Gegend, noch mehr die Ortschaft, die von ganz kleinen, ausgewachsenen Menschen bevölkert ist, die man ruhig schwachsinnig nennen kann.« Die Beschwerdeführer konstatierten: »Es kommt kein Berufsstand gut weg. So lesen wir zum Beispiel auf Seite 18 über die Wirtin: ›… sie sei eine schlampige Abwascherin‹ … einen riesigen Germteigkuchen backe sie in der Nacht von Freitag auf Samstag, zwischen zwei Männern, ›die sie rücksichtslos strapaziert …‹ (eine der beiden Wirtinnen in Weng mußte sich bereits von einem Gast ungefähr so …›Sie kennen ja den Frost‹ … ansprechen lassen.«

Aus derartiger Beweislage zieht der Gemeinderat einen Schluß, der dem literarischen Charakter des Machwerks durchaus Rechnung trägt. Aber: »Obwohl diese Äußerungen teilweise dem umnachteten Maler Strauch in den Mund gelegt werden, glauben wir, daß die dichterische Freiheit mißbraucht wurde. Herr Thomas Bernhard hat um 1960 herum Urlaubstage im Pfarrhof von St. Veit im Pongau verbracht. Er hat also in dieser Zeit den Schauplatz des Romanes Schwarzach-Goldegg-Weng kennen gelernt. Das allfällige Argument, die Ortsnamen zufällig gewählt zu haben, scheidet daher aus.«

Die Konsequenzen solchen Mißbrauchs dichterischer Freiheit für den realen Ort Weng kann der vorsichtig abwägende Gemeinderat nicht mit Sicherheit vorhersagen − »Die Auswirkung auf den Fremdenverkehr in unserer Heimat kann sowohl positiv als auch negativ sein« −, gleichwohl beharrt er auf seinem eindeutigen Urteil: »Wir können aber nicht verstehen, daß in Österreich für einen Roman, der im Laufe der Handlung − sei sie noch so modern oder genial in der Darstellung des Wahnsinns − eine österr. Landschaft namentlich und deren Bewohner in primitivster Ausdrucksweise beschreibt, der Staatspreis verliehen wird.« Eine Antwort des Bundesministeriums für Kultur ist nicht überliefert.

Solche Reaktion ist Ausdruck der – soll man sagen guten alten Zeit – in der Literatur ernst genommen wurde, selbst der damals noch unerkannte Thomas Bernhard Aufmerksamkeit durch einen Roman und/oder öffentliche Äußerungen erregen konnte. Dies erklärt, warum der Verband der Österreichischen Industrie im selben Jahr 1968 aus Furcht vor einem weiteren Skandal die öffentliche Übergabe der Urkunde des Bernhard zuerkannten Anton-Wildgans-Preises ausfallen ließ. Das allerdings hielt Bernhard nicht davon ab, weiterhin höchst kritische und unbequeme Meinungen zu publizieren. 1969 zielte er in einem Artikel der Sondernummer von Theater heute auf das Wochenblatt Die Furche, in der er selbst zu Beginn der fünfziger Jahre einige Artikel hatte unterbringen können. Gegenwärtig, so sein Urteil, versuche die Zeitschrift nichts anderes als »eine Quadratur des perversen katholisch-nationalsozialistischen Stumpfsinns« − die Klage wegen Presseehrenbeleidung folgte auf dem Fuß.

Auch in Bernhards Prosa gebärdeten sich die Protagonisten als Radikale, als Totalnegierer der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, vornehmlich derjenigen in Österreich. In Frost notiert der Famulant Ansichten des Malers Strauch: »Unser Staatsoberhaupt sei ein ›Konsumvereinsvorsteher‹, unser Kanzler ein ›Naschmarktzuhälter‹. Das Volk könne wählen zwischen Schlächtermeistern, Spenglergehilfen, stupid aufgeschwemmten Kuttenträgern, nur zwischen Leichenfledderern und Leichenfleddererstellvertretern. Die Demokratie, ›unsere Demokratie‹, sei der größte Schwindel! Unser Land liege Europa im Magen, unverdaulich, wie ein von ihm ›unzurechnungsfähig hinuntergeschluckter Klumpfuß‹. Selbst ›unser Tanz ist tot, unser Tanzen und Singen ist tot! Alles pseudo! Alles ist nur mehr ein Firlefanz. Lächerliche verheerende Firlefanzerei ist das alles! Das Nationale Nationalschande!‹«

Nicht allein über die politischen Verhältnisse, auch über sich selbst, ihre Mitmenschen, über die Natur, über Gott und die Welt äußern sich die Protagonisten in den Bernhardschen Romanen der siebziger Jahre mit der allerstrengsten Zurückweisung. Und teilweise reden sie hart an oder bereits jenseits der Grenze des Verstehbaren. So sprudelt es, um bei dem inkriminierten Roman zu bleiben, aus dem Maler Strauch laut den Aufzeichnungen des Famulanten: »Plötzlich schaut man hinein in die Architektur der Welt und entdeckt sie: eine universale Raumornamentik, nichts sonst. Aus kleinsten Verhältnissen, größten Reproduktionen – man entdeckt, daß man immer verloren war. Mit dem Alter wird das Denken zu einem Mechanismus der Qual des Antippens. Keinerlei Verdienst. Ich sage: Baum, und ich sehe riesige Wälder. Ich sage Fluß, und ich sehe alle Flüsse. Ich sage: Haus, und ich sehe die Häusermeere der Städte. So sage ich Schnee, und das sind die Ozeane. Ein Gedanke löst schließlich alles aus. Die hohe Kunst besteht darin, im Großen wie im Kleinen zu denken, fortwährend gleichzeitig in allen Größenverhältnissen . . .« Wie Strauch sind die Zwillingsbrüder W. M. und K. M. (in Amras 1964), der Fürst Saurau (in Verstörung 1967), der Privatgelehrte Konrad (in Das Kalkwerk 1970), der Philosoph Roithamer (in Korrektur 1975), um die langen Prosawerke zwischen 1963 und 1975 zu nennen, am Ende angekommen. Sie leben in einer eigenen, einer geschlossenen Welt, in der besondere Regeln gelten: Sie reden gerne, wobei der Sinn ihrer Äußerungen, wie gehört, häufig nicht auszumachen ist, widersprechen sich ununterbrochen selbst, bevorzugen Allaussagen nach dem Muster: »Alle Menschen, alle Gedanken usw.« −, sie handeln gemäß einer nur ihnen nachvollziehbaren Logik, sind geprägt vom Bewußtsein um die Sinnlosigkeit aller Existenz, fixiert auf Krankheit und Tod, was nicht selten in Mord und/oder Selbstmord mündet.

Sich in einer derartigen literarischen Welt zurechtzufinden ist nicht leicht. Und da sie vom Gewohnten extrem abweicht, hat die Kritik Anormalität, Krankheit, Pathologie zu den Schlüsselbegriffen erklärt, mit denen der Kosmos der frühen Bernhardschen Bücher aufzuschließen ist, damit die Leser sich ihm ohne Gefahr für Seele und Verstand auszusetzen vermögen. Umstritten blieb allein, ob solche literarische Demonstration beschädigten Lebens gesellschaftskritisch-fortschrittlichen oder konservativ-antiaufklärerischen Absichten dient. Die Bernhard-Leser teilten sich in zwei Gruppen: Die eine gab sich der strengen wie ausgreifenden rhythmisierten Prosa unter dem Anormalitätsvorbehalt hin, die andere lehnte sie als depressiv stimmende (psychische wie gesellschaftliche) Regression ab. Der Kampf um Bernhard wurde bis die Mitte der siebziger Jahre, also auch nach Zuerkennung des Georg Büchner-Preises 1970, hitzig ausgefochten; die Leser-Gemeinde blieb jedoch überschaubar.

Bernhards Selbstverständnis zufolge resultierte dieser beschränkte Verkaufserfolg seiner Bücher nicht aus der Struktur, dem Inhalt oder der Form seiner Bücher; die Schuld für diesen Sachverhalt lag einzig und allein beim Verlag, dem Suhrkamp Verlag. 1968 behauptete er in einem Brief an den Verleger Siegfried Unseld angesichts der niedrigen Verkaufszahlen von Verstörung: »Daß ein so großer und so guter Verlag wie der Ihre aber nicht mehr als tausendachthundert Exemplare verkaufen hat können, ist so absurd, daß das kein Mensch glaubt, wenn ich das sagte, denn selbst wenn ich ganz alleine mit meinem Rucksack durchs Land ginge, verkaufte ich in vier Wochen sicher mehr. Die Enttäuschung ist die größte wie auch die größte Unverständlichkeit, wenn man bedenkt, daß das Buch die allerbesten Kritiken, alles in allem den besten Wirbel gehabt hat usf. … Ich rede nicht mehr weiter, sage aber doch, daß ich eine große Chance, wenigstens aber drei Jahre Arbeit verpulvert bekommen habe.« Zwei Anmerkungen erfordert der Brief: Ich zitiere ihn, um denjenigen, die bisher keine Kenntnis des Kampf-Briefwechsels zwischen Bernhard und Unseld besitzen, einen Vorgeschmack auf die Lesung durch Ben Becker und Nicholas Ofczarek morgen, also am Freitagabend zu bieten. Zum zweiten sei darauf hingewiesen, daß solche Sätze im Zusammenhang mit vom Verlag gewährten Darlehen und deren Rückzahlung zu verstehen sind − nähere Ausführungen zum Thema Bernhard als Kaufmann müssen an dieser Stelle entfallen.

Durch das Theater, die Uraufführung des ersten Stücks, Ein Fest für Boris, fand 1970 in Hamburg statt, erreichte Bernhard ein größeres Publikum. Auch seine Arbeiten für die Bühne unterschieden sich radikal von fast allem bis dato auf Bühnen Dargestellten, widersetzten sich also einer einfachen Aufnahme, doch seine gescheiterten, endlos monologisierenden, stets nach den allerhöchsten intellektuellen und künstlerischen Leistungen strebenden Protagonisten, prägten sich, trotz oder gerade wegen ihrer Ähnlichkeit, den Theaterbesuchern ein: Die Dramenwelt des Thomas Bernhard war zwar höchst sonderbar, in ihr dominierten ebenfalls die Anklagen gegen alles und jeden, kannten die Stücke keine Intrigen, Dialoge wurden zugunsten langer Monologe vermieden, gefielen sich die Gestalten in superlativischen Formulierungen, widersprachen sich ununterbrochen, schimpften auf ihre Mitmenschen, am drastischten auf die eigene Familie und Verwandtschaft, ließen an der Politik und den Politikern kein gutes Haar, übten sich als Virtuosen in der Kunst der Städte- und Landschaftsbeschimpfungen (das Synonym für Augsburg lautete: »Lechkloake«) − doch dieser Kosmos war nicht völlig verschlossen. Denn in ihm trat stets ein Moment des Komödiantischen hervor, das Weltgefängnis, in dem die Hölle der andere und die andren sind, konnte der im Zuschauerraum Sitzende zumindest kurzfristig verlachen und vernichten.

Unbegreiflich blieb dennoch die Person, die diese Prosa schrieb und diese Stücke verfaßte. Um den vielen Mutmaßungen über sich, sein Leben, seine Überzeugungen entgegenzutreten, hielt es Bernhard seit Anfang der siebziger Jahre, angestiftet von seinem deutschen Verleger, für sinnvoll, Auskunft zumindest über die eigene Jugend zu geben. 1975 legte er ein Buch vor mit dem vieles versprechenden Titel Die Ursache und dem Untertitel Eine Andeutung. Wer geglaubt hatte, hier berichte er von seinen Kindheitsprägungen, erkläre, warum Krankheit und Tod seine Themen seien, warum er wie dazu gebracht worden sei, so zu schreiben, wie er schrieb, konnte sich zunächst bestätigt fühlen: Denn bei der Person, die sich in diesem Buch als »Ich« bezeichnete, handelte es sich offensichtlich um Thomas Bernhard. Doch wie er erzählte, was sich warum wie in seinem Leben ereignet hatte, enttäuschte die Erwartung, endlich den »wahren« Thomas Bernhard kennenzulernen, aus erster und unverfälschter Quelle zu erfahren, wer »der Mensch« hinter diesem Schriftsteller sei, der mit so abseitigen, die üblichen Verstehenskoordinaten verrückenden Sätzen Bücher fülle und abendlange Theateraufführungen bestücke. Thomas Bernhard präsentierte sich nämlich als jemand, der direkt aus einem Prosatext des Schriftstellers Thomas Bernhard in die Realität geschlüpft war und behauptete, der Urheber dieser fiktiven Gestalt zu sein − anders formuliert: er beschrieb sich selbst als einen Menschen, der genau so dachte und agierte wie seine literarischen Gestalten.

Er verweigerte also ostentativ jede Auskunft über sein Leben und seine Erfahrungen, die es ermöglicht hätten, die von seinem Werk ausgehenden Verstörungen einzugrenzen und zur Ruhe zu stellen unter Verweis auf spezifische Persönlichkeitsprägungen ihres Urhebers. Thomas Bernhard, so legte die Autobiographie nahe, lebt, denkt und handelt wie seine Romanfiguren − was zwei gleichermaßen gültige Schlüsse ermöglichte: Das gesamte Schreiben dieses Autors war autobiographisch einerseits, dieser Autor lehnte jede Selbstinterpretation seines Werkes ab andererseits.

Beide Interpretationen finden ihre Bestätigung in Krista Fleischmanns Fernseh-Porträt Monologe auf Mallorca zum 50. Geburtstag von Bernhard: Statt Fragen nach seinem Leben, seiner Literatur und der der Kollegen, zu Politik und Geschichte zu beantworten, rekurrierte er auf Scherze, Erzählungen über die Unterhosen des Papstes, erfand er wissenschaftliche Forschungsergebnisse über das Verhältnis von Maden und Leichen.

Dennoch wollte er bei seinen Interventionen in der Öffentlichkeit ernst genommen werden; etwa als er 1979 aus der in Darmstadt angesiedelten Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung austrat, nachdem diese den ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel zu ihrem Ehrenmitglied gewählt hatte. Die besten Wünsche für die Akademie beschlossen seine Austrittserklärung: »Ich wünsche der Akademie für Sprache und Dichtung, die ich für Deutschland und für die ganze übrige Welt tatsächlich für das Allerentbehrlichste halte und die sicher für die Dichter (die es sind!) und für die Schriftsteller (die es sind!) mehr schädlich als nützlich ist, mit Herrn Scheel alles Gute. Die Darmstädter Akademie (für Sprache und Dichtung!) verschickt im Todesfall eines Mitglieds immer automatisch einen schwarzumrandeten Partezettel mit dem immer gleichen Nachruftext (über dessen Sprache und Dichtung sich streiten läßt). Vielleicht erlebe ich es noch, und sie schickt eine Parte aus, auf welcher sie keines würdigen Mitglieds, sondern ihrer selbst gedenkt.«

Zwei Jahre danach und einem Interview mit Aussagen wie »Für mich wäre es interessant, wenn ich mich umbringen würde und mich nachher beobachten könnte«, plus einem öffentlichen Brief zum ersten Österreichischen Schriftstellerkongreß später (Zitat: »meine Existenz als Schriftsteller in Österreich […] war von Anfang an von bösartiger Verleumdung und Ignoration begleitet gewesen und immer sind auf Perioden gehässiger Verleumdungen solche der totalen Ignoration gefolgt«) faßte er seinen Eindruck des anläßlich des 70. Geburtstags von Bruno Kreisky erschienenen Buches der Kollegen Gerhard Roth und Peter Turrini in einer Rezension für profil zusammen: »Der Tod, heißt es, macht aus einem Idioten kein Genie, und der siebzigste Geburtstag aus einem politischen Kleinkünstler keinen Staatsmann. Und dieses lächerliche Buch schon gar nicht, das allerdings, wenn auch ungewollt, zweierlei auf das niederschmetterndste bestätigt: Erstens, was Kreisky wirklich ist, nämlich ein inzwischen renitent gewordener Spießbürger, und zweitens, wie schwachsinnig und charakterlos unsere jungen opportunistischen Schriftsteller heute sind.«

Solche Äußerungen lösten auch deshalb öffentliche Erregungsstürme aus, weil seit Mitte der siebziger Jahre, mit dem Erscheinen des ersten Bandes der autobiographischen Erzählungen, die Auflagen seiner Bücher weiter anstiegen. Denn die sich in kurzen Abständen an die mit einer groß orchestrierten Salzburg-Beschimpfung einsetzende Ursache anschließenden vier autobiographischen Erzählungen, die von den ersten 19 Jahren im Leben des Thomas B. berichteten, hatten, im Unterschied zu Das Kalkwerk oder Korrektur, einen Helden, der gegen Tod und Krankheit kämpfte, unter ständiger Mißachtung durch seine Familie litt, doch dieses unglückliche Kind und der gedemütigte Jugendliche spielten nicht jenseits der Grenzen des rational Nachvollziehbaren.

Bei der erzählenden Prosa waren seit Ende der siebziger Jahre gleichfalls Veränderungen weg von einem hermetischen Modell zu konstatieren: Es traten biographische Aspekte in den Vordergrund (etwa in Ja, aus dem Jahr 1978, oder in Wittgensteins Neffe, 1982 publiziert). Zugleich griffen die nicht endenwollenden Bernhard-Sätze nach wie vor alle Themen zwischen Himmel und Hölle auf, aber es dominierte nicht mehr die gesuchte Finsternis und zugespitzte Widersprüchlichkeit der frühen Bücher, die irdischen Unvollkommenheiten standen nun im Zentrum.

Dadurch büßten weder Prosa noch Theater etwas von ihrer Provokationskraft ein − im Gegenteil, indem Bernhard von identifizierbaren Personen, Gegenden und Zuständen erzählte, ermöglichte er es den Lesern, Bezüge zur Wirklichkeit herzustellen. Dies erhöhte naturgemäß das Skandalpotential: 1984 wurde Holzfällen kurz nach Erscheinen in Österreich beschlagnahmt, vor der Uraufführung von Heldenplatz war die ganze Nation gespalten in ein Lager pro und ein Lager contra die Premiere des Stücks am Burgtheater: Monologteile waren in Zeitschriften vorabgedruckt worden.

War das Verstörende im frühen Bernhard-Oeuvre von der Kritik und der Literaturwissenschaft entschärft worden durch die Einordnung in die Kategorie des Krankhaften, so mußten nun angesichts des jedes und jeden attackierenden Spätwerks andere Abwiegelungsstrategien bemüht werden. Auf den Begriff gebracht hat sie als erster der Germanist Wendelin Schmidt-Dengler, für den das »Flegelhafte, Undelikate, Unerträgliche« der Bernhardschen Tiraden in seinen literarischen wie öffentlichen Äußerungen nur zu rechtfertigen war, indem er ihren Urheber 1984 als »Übertreibungskünstler« etikettierte.

Prompt echoete es zwei Jahre später im letzten veröffentlichten Prosabuch, in Auslöschung: Hier entfaltet der Hauptprotagonist Franz-Josef Murau im Gespräch mit seinem römischen Schüler Gambetti ein Selbstporträt: »Meine Übertreibungskunst habe ich so weit geschult, daß ich mich ohne weiteres den größten Übertreibungskünstler, der mir bekannt ist, nennen kann. Ich kenne keinen andern. Kein Mensch hat seine Übertreibungskunst jemals so auf die Spitze getrieben, habe ich zu Gambetti gesagt und darauf, daß ich, wenn man mich kurzerhand einmal fragen wollte, was ich denn eigentlich und insgeheim sei, doch darauf nur antworten könne, der größte Übertreibungskünstler, der mir bekannt ist. Darauf ist Gambetti wieder in sein Gambettilachen ausgebrochen und hat mich mit seinem Gambettilachen angesteckt, so lachten wir beide auf dem Pincio an diesem Nachmittag, wie wir noch niemals vorher gelacht hatten. Aber auch dieser Satz ist natürlich wieder eine Übertreibung, denke ich jetzt, während ich ihn aufschreibe, und Kennzeichen meiner Übertreibungskunst.«

Damit war nun, anscheinend vom Meister aus Ohlsdorf höchstpersönlich beglaubigt, der bis heute wirkungsmächtigste Schlüssel zu Werk und Person gefunden. Und er erlaubte es, die von diesem Werk ausgehenden Verstörungen einzugrenzen − sie erträglich, genießbar, und zwar höchst lustvoll, zu machen. Ununterbrochen konnte man nun mit Bernhard lachen, sich seinen Übertreibungen, Beschimpfungen, Sinnlosigkeiten, der Selbstmordgedanken, dem Sinnlosigkeitsausweis von allem und jedem überlassen − denn wer übertreibt, meint das, was er sagt, gar nicht wirklich, jeder Satz ist begleitet von einem Augenzwinkern, ist nur halb so böse und halb so todesverfallen, wie es den Anschein hat.

Bei einer solchen Haltung gegenüber dem Werk dauerte es nicht lange − und schon wurde der menschenfeindliche, nur in psychiatrischen Termini zu erfassende Gesellschafts- und Menschenhasser zum fast populären Autor, zum modernen Klassiker, zum Staatsdichter, der zum festen Bestandteil des Schulunterrichts rechnete, dessen Ansichten zur Alpenrepublik und zur Erde und zum Himmel an allen Ecken und Enden der Welt in über fünfzig Sprachen goutiert wurden.

Nach dem Tod Bernhards sind zwei weitere Beruhigungsinterpretationssysteme zu tage getreten. Der Philosoph Alfred Pfabigan nimmt die in Bernhards Romanen dominierenden »Geistesmenschen« ernst und will, wenn auch unter Anführungszeichen, eine »Philosophie« Bernhards erkennen, ein »geradezu pädagogisches Projekt, das sich zwar der Erinnerung an den Tod bedient, doch gleichzeitig den menschlichen Willen zum Glück ernst nimmt und lebenskünstlerisch zu fördern trachtet«. Es versteht sich von selbst, daß bei einem solchen Optimismus verbreitenden Vorhaben die Sprache in Bernhards Werken zur reinen Informationsquelle verkommt.

Die Bernhardschen Verstörungen erklärt auch der Versuch von Hans Höller weg, das gesamte Schaffen des Landsmannes als Auseinandersetzung mit seinem Herkunftskomplex zu lesen. Dieser Herkunftskomplex setzt sich zusammen aus der Kindheit des Autors in den nationalsozialistischen Erziehungsheimen zum einen, der politischen und intellektuellen Situation Österreichs mit ihrer Verleugnung der Schuld an Krieg und Judenmord zum zweiten. Diese Bemühungen machen Bernhard zu einem aufklärerischen, politisch engagierten, kritischen Schriftsteller, versagen jedoch gerade vor der literarischen Form.

Das auf die Initiative von Sepp Schellhorn, aufgrund seines Engagements und seiner Bernhard-Vernarrtheit zustande gekommene und heute abend zu eröffnende Fest für Bernhard will die zirkulierenden Beruhigungsinstrumentarien außer Kraft setzen. Es wird, und dazu sind nur die großartigen Künstler in der Lage, die Sie in den kommenden Tagen hier erleben werden, die Urteile über das Werk einklammern und Ihnen statt dessen seine Sätze, seine Absätze, die Sprachmelodie wie die Gedankenbewegung zu Gehör bringen, damit Sie bisherige Erfahrungen mit dem Werk überprüfen und neue Erfahrungen machen können. Denn wer wagt zu behaupten, er bliebe unbeeindruckt, vernähme nichts Unerhörtes, nichts Aufstörendes, nichts Verstörendes bei Sätzen wie den folgenden: »Etwas Unerforschliches zu erforschen. Es bis zu einem gewissen erstaunlichen Grad von Möglichkeiten aufzudecken. Wie man eine Verschwörung aufdeckt. Und es kann ja sein, daß das Außerfleischliche, ich meine damit nicht die Seele, daß das, was außerfleischlich ist, ohne die Seele zu sein, von der ich ja nicht weiß, ob es sie gibt, von der ich aber erwarte, daß es sie gibt, daß diese jahrtausendealte Vermutung jahrtausendealte Wahrheit ist; es kann durchaus sein, daß das Außerfleischliche, nämlich das ohne die Zellen, das ist, woraus alles existiert, und nicht umgekehrt und nicht nur eines aus dem andern.«

Wir befinden uns, die Kenner wissen es und rezitieren die Sätze auswendig, auf der ersten Seite von Frost. Aus diesem Roman wird morgen Sibylle Canonica lesen, einige der eingeschalteten Geschichten vortragen.

Und sollten Sie, meine Damen und Herren, immer noch die Frage für unbeantwortet halten, warum gerade in Goldegg, abseits der großen sogenannten Kulturzentren, dieses Fest stattfindet, lasse ich zum Abschluß noch einmal Thomas Bernhard zu Wort kommen: »Mit dieser Kulturwelt habe ich aber nichts zu tun. Mich interessiert nicht, daß an hundert Theatern meine Arbeit um ein Butterbrot verhunzt und meine Ideen verniedlicht, verzerrt und in den Intendanten- und Schauspielerdreck gezogen werden landauf-landab, daraus entsteht für mich nichts als Ärger, ich konzentriere mich nur auf eine, oder auf zwei hervorragende Ensembles, mit welchen ich annähernd verwirklichen kann, was ich denke und wo ich dann auch das Geld bekomme, das entsprechend ist.«

Morgen also tritt das hervorragende Goldegg-Ensemble in Aktion.